Die Sterne

Flucht in die Flucht “Was stehst du hier schon wieder in der Gegend rum, mir scheint, du hast zu viel Zeit”, singt ein Chor aus Menschen- und Vocoder-Stimmen gleich zu Beginn des zehnten Studioalbums der Hamburger Indierock-Helden DIE STERNE. Dabei gehörten DIE STERNE schon immer zu der Sorte von Bands, mit denen man doch nur allzu gerne in der Gegend herumstand, aber auch immer wunderbar tanzen konnte: Thomas Wenzels Bassspiel hatte schon immer schon mehr Soul, als es bei den meisten anderen Indiebands der Fall ist. Nachdem DIE STERNE auf ihrem letzten Album “24/7” vollends in die Patternwirtschaft der Clubwelten abgetaucht waren, wummern die Basslinien auf “Flucht in die Flucht” nun wieder im klassischen Bandsound. Und schon nach den ersten vier Takten die freudige Erkenntnis: Unverkennbar, sie sind es! So wie DIE STERNE klingen, so klingen wirklich nur DIE STERNE.

 

Wobei die Musik in den von Olaf O.P.A.L. produzierten Klangwelten dieses kleinen, psychedelischen Meisterwerks extrem vielschichtig geraten ist: Es tönen die rückkoppelnden Gitarren in Ehrerweisung an Jimi Hendrix, AC/DC, Dinosauer Jr. bis zu den Butthole Surfers, man ist bewegt von der Funk- & Soul-Historie von Motown über Funkadelic bis Sly & The Family Stone, pfeift eingängige Folk- und Popmelodien von “Lola” bis “Bakerman”, findet Gefallen am Swamp-Blues und schrägen Folk-Moritaten und schichtet alles auf- und durcheinander wie zu besten “Easter Everywhere”-Zeiten. So stehen DIE STERNE in ihrer eigenen Wall-Of-Sound leicht schlunzig aber elegant wie einst Camper Van Beethoven auf der Bühne ihres Lebens. Im Wirrwarr der Signale macht man sich auf die Suche nach Überlebensstrategien in Zeiten der Durchoptimierung aller Lebensbereiche. Vor allem wenn man wie DIE STERNE bei aller Liebe überhaupt keine Lust darauf hat, sein Leben noch weiter durchzuoptimieren. Besser gesagt: Es durchoptimieren zu lassen.   Und das in einer Stadt wie Hamburg, in denen die Mieten zwar schon seit Ewigkeiten auf dem Stand sind wie heute in Berlin, in der es aber trotzdem immer genügend Platz in den Nischen für die Anderen gab – erstmal vollkommen losgelöst von der Frage, ob in diesen Ecken lukrative, neue Geschäftsbereiche entstehen mögen oder nicht. Dass der einsatzfreudige Flucht-Chor auf dem Album aus jungen Hamburger Bands wie ZUCKER, DER BÜRGERMEISTER DER NACHT und SCHNIPO SCHRANKE besteht, ist dabei nur konsequent. Zwei Generationen in der gleichen Stadt mit dem gleichen, unausweichlichem Problem: Der Welt. Selten jedenfalls dürfte man den inneren Monolog neurotischer Großstadtmenschen zwischen Realität und Poesierausch treffender gehört haben als in “Innenstadt Illusionen”. Dass Frank Spilker in “Ihr wollt mich töten” dann ausgerechnet mit Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten durch einen Ost-Western in sagen wir Mecklenburg vor Pommern reitet, stellt eine schöne Verbindung von Hamburg zur Hauptstadt mit dem neuen Popsenator her, in der DIE STERNE-Schlagzeuger Christoph Leich seit ein paar Jahren lebt. Die Stadt, die gerade so stolz darauf ist, dass das Tempelhofer Feld per Volksentscheid für die nächsten paar Jahre so bleibt wie es ist: Eine freie Fläche. “Flucht in die Flucht” aber meint im Geiste der goldenen 60ies-Psychedelia durchaus auch die Reise nach innen: In den “Inner Space”, um auch mal CAN zu zitieren. Das geschieht aber nicht als improvisierendes Kollektiv sondern als Song-schreibendes Narrativ: Als Band. So wie in “Drei Akkorde”, in dem wenigstens für einen Refrain lang alles auf der Welt in Einklang miteinander zu sein scheint. Spätestens beim Feelgood-Song “Mein Sonnenschirm umspannt die Welt” stürmen dann alle zusammen auf die Tanzfläche und singen gemeinsam im Chor: “Wie soll man Euch Idioten das erklären? Ich bin was ich bin, ich bin es gern!” Die Sterne sind zurück. Was für ein Glück!