Worried Man & Worried Boy

50 Jahre beträgt der Altersunterschied innerhalb dieses Duos, 523 Kilometer Flugdistanz zwischen Berlin und Wien kommen noch drauf und die Verwandtschaft der beiden Protagonisten ist ersten Grades. Dennoch hört man hier keine gefällige Musik fürs nächste generationsübergreifende Familienfest, sondern wird viel mehr von der aufregendsten Schmähpop-Platte der Saison agitiert.

 

Man muss nicht mal den ewigen „König Ödipus“ von Sophokles bemühen, wenn es darum geht zu erinnern, wie problematisch Vater-Sohn-Beziehungen sein können: In Kafkas „Die Verwandlung“ stirbt der arme, zu einem Käfer mutierte Gregor Samsa dadurch, dass sein Vater ihn mit Äpfeln bewirft. Und als Prometheus den Menschen das Feuer brachte, wurde Göttervater Zeus echt sauer, ließ ihn an einen Felsen schmieden und einen Adler jeden Tag seine Leber fressen – bei lebendigem Leibe. Das alles ist natürlich kein Vergleich zu dem, was Vater Joseph seinen Kindern, den Jackson 5, mit ihrer Bandkarriere in den Siebzigern aufbürdete. Von Mythologie über Literatur bis zu Michael Jackson – alles voller Geschichten von Vätern und Söhnen.

Willkommen bei Worried Man & Worried Boy. Hier fließt zum Glück kein Blut, zumindest kein böses. Es handelt sich um Herbert Janata und Sebastian Janata, um Vater und Sohn, um Ende zwanzig und Ende siebzig. Vater Janata spielte bis noch vor zwei Jahren bei einer der legendärsten österreichischen Bands, eine, die den Begriff Austropop in dessen Anfangstagen schon mitprägte, allerdings auch eine, die von jener Genre-Schublade nie etwas wissen wollte, eh klar. Bei dieser Band handelt es sich um die Worried Men Skiffle Group, fast 55 Jahre hatte sie Bestand. Sohn Janata kennt man ebenfalls als Teil einer (mindestens) leicht exzentrischen Gruppe: Er trommelt bei Ja,Panik, den nach Berlin umgesiedelten freien Radikalen, deren Band Diskurspop vor einer betörenden Crooner-Kulisse aufstellt.

 

2014 nahmen Vater und Sohn Janata dann ein gemeinsames Album unter dem Bandnamen Worried Man & Worried Boy auf. Die Idee: Etliche Perlen aus dem reichen Schatz der Worried Men Skiffle Group neu zu interpretieren. Das Stück „Der schönste Mann aus Wien“ unterlegten sie mit einem unterhaltsam durchgeknallten Schwarzweiß-Video, als Gast und Stimme fungierte dabei kein Geringerer als der Nino aus Wien.

 

Die Vater-Sohn-Zusammenkunft auf Platte und Bühne bereite seinen beiden Protagonisten wie auch dem Publikum außerordentliches Vergnügen, so geschieht nun im Herbst 2016 dies: Den beiden Janatas reicht es nicht mehr, sich als musikalische Chronisten einer abgeschlossenen Bandgeschichte zu widmen, nein, Worried Man & Worried Boy haben zusammen eine ganz neue Platte geschrieben. Wer nun denkt, „JAOK, why not?“, sollte er sich fragen, wie ihm die Vorstellung behagt, mit seinem Vater (oder seinem Sohn) auf die Bühnen zu gehen, um dort relevante Popmusik zu machen. Schwer vorstellbar, vielleicht sogar bisschen gruselig? Genau. Doch Junior und Senior in diesen speziellen Fall kriegen es tatsächlich hin – und wie. Der inhaltliche wie ästhetische Brückenschlag zwischen den Generationen hebt das Ergebnis dabei richtig weit hoch. Nur direkt in die Sonne gucken ist noch krasser.

 

Dabei versichern uns die Janatas, es sei alles gar nicht so schwer gewesen – man habe beim Schaffen nicht mal versucht, sich gegenseitig umzubringen. Zumindest nicht nachhaltig. „Aber man muss natürlich trotzdem aufpassen,“ erzählt Sebastian, „wir haben uns auf jeden Fall auch viel, sehr viel gestritten – und nicht noch so ein wenig sorgsam, wie man das unter Freunden tut. Nein, das geht richtig ab bei uns, denn schließlich verlässt man sich darauf, dass einen letztlich nichts auseinanderbringt.“
Blutsverwandtschaft als stabiles Schicksal, das man eben auch für die Kunst nutzen kann. Den Janatas gelingt‘s. Wobei sie arbeitsteilig vorgingen: Vier Lieder schrieb Sebastian, Herbert sechs – die Produktion erledigte der Sohn.

 

So ungewöhnlich die Geschichte dieses Duos aber auch erscheinen mag, sie tritt anstandslos in den Hintergrund, wenn es um das Ergebnis als solches geht: „Ruhig bleiben“ liefert eine der aufwühlendsten und gleichermaßen abgehangensten Alben aus dem österreichischen Sektor der letzten Jahre. Kein Scheiß! Der Altersunterschied von rund einem halben Jahrhundert überdehnt die Platte nicht etwa, sondern fokussiert sie. Ohne es groß geplant zu haben, greifen die Themen der Songs ineinander. Ja, man könnte an diversen Punkten sogar meinen, man habe es hier mit einem Konzeptalbum zu tun. Das titelgebende Motiv Ruhe bewahren bröseln die beiden Musiker jedenfalls sehr anschaulich auf.
Eröffnet wird mit dem programmatischen Duett „Frühling“, beide Stimmen stellen sich vor, es findet sich ein kleines Lied getextet darauf, wie einem Angst und Alarmismus das Leben im Moment verhageln können. Direkt danach folgt mit „Handkuss“ aber schon die Antithese: Und zwar wie sehr einem westliche Bequemlichkeit das revolutionäre Selbst vernagelt. Denn ganz so leicht will man es sich und dem Hörer ja auch nicht machen – zum Glück. So also verbindet sich der umarmende Schönklang und die Weinseligkeit des Schmähs aufs Selbstverständliche mit spitzer Dialektik. Wer auf diese rar gewordenen Alleinstellungsmerkmale in Pop steht, damit hat dieses Projekt tatsächlich noch ein weiteres anzubieten. Brotzeit und Revolution. Worried Men & Worried Boy schonen Niemanden, nicht die Umstände, aber auch nicht sich selbst: „Wer ist schuld an meinem Verdrängungsmechanismus? Wirklich i‘ selbst oder doch, der scheiß Kapitalismus?“

 

Wo andere Entwürfe mit der Zeit immer smarter erscheinen müssen, immer mehr um die Ecke abliefern wollen, haut „Ruhig bleiben“ einfach mal das raus, was raus muss: Zehn unglaublich geschmeidige und zutiefst widerständige Stücke in einem Schmäh, von dem einem ganz warm wir.

 

Es lebe der Genpool Janata, danke für alles!

 

TEXT Linus Volkmann